~ Fallende Blätter ~

Liebe Freundïnnen,

wusstet ihr schon, dass unsere Meere überfischt, voller Plastik und viel zu warm sind? Dass unsere Urwälder zu großen Teilen abgeholzt sind und daher etwa so gut CO2 speichern können, wie wir die geschäftliche Faxnummer einer Feierbekanntschaft am Sonntagnachmittag? Wusstet ihr schon, dass Grönland gerade schneller schmilzt als unsere Konzentration beim Runterkommen? Dass Sibirien brennt? Dass der Permafrostboden auftaut? Dass sich dadurch unser komplexes Ökosystem ändert und wir uns hier am Fischmarkt bald auf die Hurrikan-Saison vorbereiten können? Oder, dass gerade verirrte Köche und Siegheilpraktikerinnen zum Sturm auf die da oben oder die Echsenmenschen oder den bösen Tannewetzel aufrufen und ihnen neben den üblichen Kellergewächsen und Kameradschaftsclowns auch ein gehöriges Pfund Esos in die Pfanne läuft? Alle in der freudigen Gewissheit, endlich mal mehr zu wissen als die anderen, endlich die eine, einfache Wahrheit gefunden zu haben. Oder die Sache mit dem Virus? grins, lach, lol.


Da wir uns als Club darüber hinaus die vergangenen Monate deutlich mehr als die verfügbare Energie abverlangt haben, brauchen wir jetzt mal eine Pause. Nicht zuletzt durch eure Unterstützung haben wir durchgehalten. Im Frühsommer schon konnten wir verkünden, dass dieses Jahr gerettet ist. Doch nun neigt sich der Sommer seinem Ende hin, die Blätter drohen schon mit dem ersten Laub, keiner fährt mehr Inline-Skates und in den Supermärkten stehen schon die Weihnachtsmänner bereit. Für uns folgt auf das gesicherte dann ein neues, ungesichertes Jahr. So wie es aussieht, sind wir bis zum ersehnten Jahresanfangsrave noch nicht durchimmunisiert. Also feiern wir voraussichtlich auch im frühen 2021 noch in unseren Kleinstblasen. Wenn es anders kommt, freuen wir uns mit euch zusammen auf engstem Raum ein zweites, drittes und viertes Loch in den Schuh. Um im anderen Fall aber nicht jetzt schon in die Herbstdepression zu verfallen, ziehen wir uns kommende Woche in den vorgezogenen Winterschlaf zurück. Bevor es soweit ist und wir den hibernation mode aktivieren, möchten wir euch aber alle noch mal sehen. Und zwar schleunigst. Dieses Wochenende. Gemeinsam wollen wir den Hof zelebrieren, der uns in den merkwürdigen Monaten wenigstens ein bisschen Austausch erlaubt hat. Am Freitag geht’s los mit der “Sokönnenwirnichtarbeiten”-Demo, am Samstag geht’s am Tag durch die Offene Tür des benachbarten Atelierhauses Bullerdeich und am Sonntag geht’s zum Maakt in den Paak nebenan. Während ihr zum letzten Mal in diesem Jahr die Sonne und den Hof mit Musik genießt, könnt ihr auch eure Unterstützerïnnengeschenke abholen. Und danach gehen wir geschlossen: ins Bett. Ohne Maske.


Wenn wir uns hingelegt haben und sich das Ohrensausen langsam legt, werden wir immer leichter und leichter und wachen allmählich auf. Dann erinnern wir uns nur noch vage an unwirkliche Straßenszenen mit allerhand maskierten Leuten, an völlig irrsinnige Proteste mit unglaubwürdigen Predigern und an bizarre Wahlausgänge auf der ganzen Welt. Wir versuchen uns bettwarm an die ganze Geschichte und deren innere Logik zu erinnern, scheitern aber daran und machen uns einen grünen Tee. Wir schalten das Radio ein, hören im Deutschlandfunk die Verkehrsmeldungen und eine langweilige Ansprache der US-Präsidentin, die den Spitzensteuersatz zum dritten Mal in ihrer Amtszeit erhöht hat. Wir lesen in der Zeitung einen bissigen Kommentar gegen die Verschwendungssucht der WHO, die neulich wegen eines völlig harmlosen Fledermauserregers Millionen Dollar dafür ausgegeben hat, irgendwo in China einen Wildtiermarkt zu reinigen und ein paar Verkäuferinnen unter Quarantäne zu stellen. Was juckt es uns denn, wenn in China ein Sack Viren umfällt? Wir lesen, dass in den USA nur noch die Hälfte aller Cops weiß sind und fragen uns, warum das eine Meldung sein sollte. Und unsere Wohnungsbaugesellschaft teilt uns mit, dass sie sich aus dem Geschäft zurückzieht und alle Häuser an Privatleute übergibt, weil es seit dem großen Umdenken viel lukrativer geworden ist, in der Klimawandel-Industrie mit ihren Hunderttausenden neuen Jobs an kreativen Lösungen fürs Überleben der Menschheit zu tüfteln. Als wir aus dem Fenster schauen, sehen wir, dass es etwas nieselt und beim Gedanken ans Nasswerden beim Anstehen in der Südpolschlange heute Nacht denken wir: “Schlimmer kann’s diese Jahr nicht kommen”. 


Wer jetzt noch keine Lust auf Winterschlaf hat, dem gelte: Nicht verzagen, weiter kämpfen. Vielleicht nach der bewährten Gewinnerïnnenformel “Für Gutes und gegen Schlechtes”. Kann eigentlich nix schiefgehen. Einfach den Mund auf und die Faust zu machen, wenn böse Menschen Böses tun. Und dazwischen Großveranstaltungen meiden wie Nazis das Mitgefühl. Und warum sich nicht mal zwischendurch die Beine kreativ vertreten, vielleicht auf ketagener Diät schnoddrig durch Schneestraßen schliddern oder sich mit Mesodosen im Winterwald wechselswarm wundern. Oder einfach bei einer dampfenden Tasse Kakao die Vita activa am Stück durchlesen und Relevantes kritische annotieren. Hauptsache nicht mit Eurythmie-Schläppchen und Mate-Becher voll auf Steiner den Reichstag stürmen. Man muss ja gar nicht so viel denken. Nur 1) Wenn ein Mann mit deutschem Dialekt auf Youtube Sachen erklärt, die sonst keiner so sieht und keiner diesen Mann kennt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieser Mann womöglich eine Meise hat. Wenn einem dann Leute aus dem Umfeld dieses Video schicken, kann man getrost mit “Çüş, schick mal lieber andere Sachen!” reagieren. Und 2) Wenn einer hierzulande eine Flagge dabei hat, deren Farben sich von oben nach unten schwarz, weiß und rot sind, dann muss man sich nicht erst am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften an der FU-Berlin einschreiben, um eine Verwechslung mit der historischen Flagge von Obervolta (dem heutigen Burkina Faso) auszuschließen, sondern man kann dem Flaggenhalter auch direkt einen sachlichen Platzverweis aussprechen oder ihn vorsichtig backpfeifen. Es gilt also auch wach noch genug zu tun. 

Wir freuen uns auf euch. Und sehen euch in der Zukunft.

 * S * Ü * D * P * O * L *

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