~ Heimische Viren ~

Liebe Freundïnnen,

das wird kein leichter Spagat dieses Mal. Im Grunde gibt es gerade nichts zu sagen, außer: Seid für eure nichtweißen Freundïnnen da. Hört ihnen zu, wenn sie reden wollen, entschuldigt euch bei ihnen, wenn ihr Schuld erkennt und lernt von ihnen, wenn es möglich ist. Mehr gibt es eigentlich gerade nicht zu sagen.

Und doch ist das Leben oft eine Mischung aus schwer Aushaltbarem. So mischt sich in unsere Wut und Trauer ob der ganzen Globalscheiße auch eine tiefe Dankbarkeit für so viele von euch. Auch der Mikrokosmos gehört schließlich zum Kosmos. Eure Unterstützung in den vergangenen Wochen hat uns umgehauen und gleich wieder aufgebaut. Wie so viele stellt das Virus auch den Südpol vor existenzielle Fragen. Um es ganz klar zu sagen: Ohne eure Spenden hätten wir es nicht bis heute geschafft. Eure Solidarität hat uns erstmal den Arsch gerettet, darauf würden wir am liebsten heute schon mit euch bis zur Sehnenscheidenentzündung anstoßen und raven bis das Ordnungsamt zweimal klingelt. Auch Solidarität gehört wohl zu diesem Jahr. Zum Glück. Damit können wir unsere überfälligsten Rechnungen bezahlen und dieses Jahr überleben. So viel zum erfreulichen Teil dieser Botschaft.

Wer nicht so viel Glück hatte und dieses Jahr in Deutschland nicht überlebt hat, sind zum Beispiel: Gökhan Gültekin, Ferhat Ünver, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz (und ihr ungeborenes Kind), Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Said Nessar El Hashemi und Gabriele Rathjen. Und mit ihnen Unzählige mehr auf der ganzen Welt, die von Rassisten umgebracht wurden. An ihrer Seite steht eine noch ungleich viel größere Gruppe, die jeden Tag die kleinen Tode der alltäglichen Diskriminierung sterben. Überall. Denn, so einfach das wäre, rassistische Gewalt gibt es #beiunsauch. Black lives mattern nicht nur in den USA.

Gehen wir also dazwischen, wenn im Park wieder nur Leute kontrolliert werden, die in der Poppenbüttler Rassenlehre von 1932 nicht als heimisch gelten. Gehen wir so lange und so ätzend dazwischen, bis wir denen die kontrollieren ebenso unlieb sind, wie ihnen die sind, die sie am liebsten kontrollieren. Dazu gehört auch, dass wir an der Clubtür fragen, warum Michael rein kommt und Cem nicht. Fragen wir so lange bis wir eine gute Antwort bekommen. Vielleicht gibt es ja eine. Kann sein, dass Cem ein Arsch ist, sieht man von außen ja nicht. Kann aber auch sein, dass da gerade jemand einen kleinen rassistischen Aussetzer hatte und meinte, dass neulich einer mit nem ähnlichen Gesicht mal Ärger gemacht hat und Cem ja auch in die Shishabar gehen könnte. Kann überall passieren – muss halt sofort korrigiert werden. Von uns allen. Auch in unserer Blase, in unserer Echokammer, vor unserer Clubtür. Natürlich geben wir das Beste, solche Aussetzer nicht zu haben. Aber Rassismus ist ein autochthones Virus – es ist heimisch und hat sich verdammt gut an seine Wirte angepasst. Es zu besiegen, ist ein zäher Kampf.

Das ist auch für uns eine gewaltige Herausforderung. Je öfter wir Rassismus benennen wenn wir ihn sehen, desto offenbarer wird er. Und desto eher kann er bekämpft werden. Das zählt eben zu den Lebensaufgaben all jener, die davon am wenigsten betroffen sind. Alle, die bei Routinekontrollen unsichtbar sind. Die nicht-Gefährder. Alle, die noch nie wegen ihrer Haare nicht in den Club gekommen sind. Alle, bei deren Anblick nicht ab und zu mal jemand in der U-Bahn geistesabwesend prüft, ob das Handy noch da ist. Alle, die nie gefragt werden, wo sie eigentlich herkommen. Wem diese Lebensaufgabe nicht passt, der kann ja – Achtung! – woanders hingehen.

Auch wir versuchen uns, dieser Verantwortung zu stellen. Wir wollen nicht die nächsten Rave-Ottos sein, die mit dem Schlauchboot männerobenohne von der Bille in die Elbe dümpeln, während rings um uns die Welt in Flammen steht. Wie versprochen gehen von eurem Geld neben unseren nötigsten Kosten zehn Prozent an andere, die es nötig haben. Wer das sein wird, überlegen wir uns dieser Tage. Wir versuchen, die Atempause, die ihr uns durch eure Spenden verschafft habt, zu nutzen, um zu lernen und jenen zu helfen, die keine Luft mehr kriegen weil sie täglich gewürgt werden. Danke, dass ihr an unserer Seite seid.

 * S * Ü * D * P * O * L *

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